Behinderung im Bewerbungsprozess ansprechen? 5 Tipps

Du hast eine Einladung zum Bewerbungsgespräch? Gratulation! Die erste Hürde ist gemeistert und du hast nun die Möglichkeit, das Unternehmen persönlich von dir zu überzeugen. Wenn du eine Behinderung oder chronische Erkrankung hast, stellst du dir jetzt vielleicht die Frage, ob bzw. wie du darüber sprechen sollst. Allgemeingültige Regeln gibt es dabei nicht und gerade bei unsichtbaren Erkrankungen fällt die Entscheidung oft schwer. In jedem Fall solltest du diese Entscheidung jedoch bewusst und strategisch treffen und abwägen, welche Vor- und Nachteile für dich bestehen.

1. Muss ich meine Behinderung oder chronische Erkrankung überhaupt ansprechen?

Nein. Es ist deine individuelle Entscheidung. Solange die Ausübung der Tätigkeit nicht eingeschränkt wird, besteht keinerlei Verpflichtung, Auskunft über eine Behinderung oder Erkrankung zu geben. Gibt es Einschränkungen, solltest du über nötige Anpassungen oder eine Assistenz aufklären. Eine Recherche über die Unternehmenskultur und -philosophie kann dir bei der Entscheidung helfen, ob und wann du deine Behinderung oder Krankheit ansprichst.

Offen und selbstsicher mit deiner Behinderung oder Erkrankung umzugehen, kann jedoch durchaus vorteilhaft sein. So können etwaige Unsicherheiten und Vorurteile aufgelöst werden und du kannst besser herausfinden, ob das Unternehmen ein geeignetes Arbeitsumfeld für dich bietet. Ein verständlicher Wunsch kann sein, deine Behinderung oder chronische Erkrankung nicht verstecken zu müssen und vom Arbeitgeber die Unterstützung zu erfahren, die ein produktives Arbeiten möglich macht. Besonders attraktiv sind dann Unternehmen, die explizit nach MitarbeiterInnen mit Behinderung suchen oder bei denen bereits ein Diversity oder Disability Management verankert ist.

2. Wann ist der richtige Zeitpunkt meine Behinderung oder chronische Erkrankung anzusprechen?

Auch hier gibt es keine pauschale Antwort, sondern Optionen, die du für dich abwägen solltest. Versuche ein Gefühl für dein Gegenüber zu entwickeln und den richtigen Moment einzuschätzen.

  • Bestehen Mobilitätseinschränkungen, bei denen ein barrierefreier Zugang nötig ist, kann es sinnvoll sein, das Unternehmen vorab zu informieren und ihm die Chance zu geben, sich auf die Situation einzustellen und Vorbereitungen zu treffen. 
  • Bei einer sichtbaren Behinderung, die zuvor nicht erwähnt wurde, besteht die Möglichkeit, dass sich die Personaler überrumpelt fühlen und verunsichert sind, wie sie damit umgehen sollen. Ein frühzeitiges Ansprechen kann die Gesprächssituation lockern und Missverständnisse beseitigen.
  • Du kannst dir überlegen, ob es vielleicht Stärken oder Schwächen gibt, über die du deine Behinderung oder chronische Erkrankung kommunizieren möchtest. Vielleicht fühlst du dich aber auch wohler, gleich zu Beginn bei deiner Selbstpräsentation darauf Bezug zu nehmen. Auch bei der Beschreibung deiner letzten Stelle oder deiner beruflichen Meilensteine kannst du darauf verweisen, dass du diese trotz deiner Behinderung erreichen konntest. Achte dabei auf eine positive Formulierung und die Verbindung mit persönlichen und beruflichen Erfolgen.
  • Gibt es keine Einschränkungen in der Tätigkeitsausübung und du befürchtest Nachteile, wenn du bspw. eine unsichtbare chronische Erkrankung offenbarst, kannst du dich dafür entscheiden, gar nicht oder erst nach der Probezeit darüber zu sprechen.
  • Eine Behinderung oder Erkrankung erst bei Verlassen des Raums zu erwähnen, kann den Eindruck von Unsicherheit erwecken. Vielleicht stellt sich die personalverantwortliche Person auch die Frage, was du sonst noch verheimlicht hast.

3. Was soll ich über meine Behinderung oder chronische Erkrankung erzählen, was nicht?

Für den Arbeitgeber sind vorwiegend deine fachlichen und persönlichen Kompetenzen interessant und ob du in das Team passt. Rücke also deine beruflichen Qualifikationen und Stärken in den Vordergrund und lasse deine Behinderung nicht zum Hauptthema werden.

Beschreibe daher kurz und verständlich den Sachverhalt. Stelle sicher, dass der oder die Personalverantwortliche versteht, inwiefern deine Behinderung in deinem Arbeitsalltag relevant ist oder eben auch nicht und dass du die geforderten Arbeitsaufgaben auch mit deinen individuellen Einschränkungen zur vollsten Zufriedenheit erfüllen kannst. Erkläre ggf. kurz, welche Lösungsstrategien du bereits für dich entwickelt hast und welche Arbeitsplatzanpassungen notwendig sind, damit du effizient arbeiten kannst. Im Idealfall hast du bereits Tipps für das Unternehmen, welche Förderungsmöglichkeiten in Frage kommen. 

4. Wie überzeuge ich mein Gegenüber von meinen Fähigkeiten?

Eine gute Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch erhöht deine Jobchancen ungemein und macht dich selbstsicherer. Bereite dich auf typische Bewerbungsfragen vor und überlege dir gut, welche deiner Fähigkeiten für die konkrete Stelle besonders relevant sind und wie du diese glaubhaft belegen kannst (z.B. durch Ausbildung, Praxiserfahrung, persönliche Entwicklungsphasen, Hobbys etc.).

Hast du Fähigkeiten, die du gerade aufgrund deiner Behinderung besonders gut kannst oder im Umgang mit ihr erlernen konntest? Die meisten ArbeitgeberInnen schätzen MitarbeiterInnen, die ihre eigenen Stärken und Schwächen bzw. Grenzen kennen und sich selbst reflektieren können. Jobsuchende mit Behinderung haben diesbezüglich oft einen Vorsprung, gegenüber ihren MitbewerberInnen oder KollegInnen. Ein selbstbewusster Zugang zum Thema Behinderung und Eloquenz im Erzählen von deinen Erfahrungen und Kompetenzen sind hier wichtig, um überzeugen zu können.

5. Wie begegne ich Ängsten und Vorurteilen der Jobinterviewer?

Leider haben viele Unternehmen keine oder nur wenig Erfahrung mit ArbeitnehmerInnen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung. Daraus entstehen oft Berührungsängste und falsche Vorurteile. Die gute Nachricht: Hier tut sich was! Immer mehr Unternehmen erkennen die vielfältigen Potentiale von ArbeitnehmerInnen mit Behinderung. Auf www.myability.jobs findest du bspw. Stellenanzeigen von Unternehmen, die explizit Jobsuchende mit Behinderung zur Bewerbung auffordern.

Sei jedoch generell darauf eingestellt, dass die JobinterviewerInnen noch keine Erfahrung mit deiner Behinderung oder Erkrankung haben und verunsichert sein könnten, wie sie damit umgehen sollen. Versuche dich in ihre Perspektive zu versetzen und mögliche Wissenslücken zu schließen. Helfe deinem Gegenüber, Vorurteile und Ängste abzubauen und erkläre in einfacher Weise, worum es bei deiner Behinderung in der (Arbeits-)Praxis geht. Du bist ExpertIn auf diesem Gebiet und weißt im besten Fall auch über Förderungsmöglichkeiten sowie wirtschaftliche, steuerliche und organisatorische Vorteile für das Unternehmen Bescheid bzw. kannst Fehlinformationen aufklären.

Fragen?

Hast du noch Fragen oder brauchst Unterstützung? Dann melde dich bei unserem Service Center oder wende dich an die folgenden Beratungsstellen:

Beratungsstellen und Arbeitsassistenz:

  • NEBA Netzwerk berufliche Assistenz
  • ÖZIV Österreichs zukunftsorientierte Interessenvertretung von und für Menschen mit Behinderungen
  • ABAK Assistenz für AkademikerInnen mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung
  • BBRZ Berufliches Bildungs- und Rehabilitationszentraum
  • Fit2Work

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