Was ist eine „dynamische Behinderung“?

Hast du dich je gefragt: „Zählen meine Schmerzen und Einschränkungen eigentlich als Behinderung? Bin ich denn behindert genug?“ Vielleicht schwanken deine Einschränkungen auch stark von Tag zu Tag? Dann könnte der Begriff der „dynamischen Behinderung“ vielleicht hilfreich für dich sein!

Was ist eine dynamische Behinderung, Gastbeitrag Rea Strawhill

Gastbeitrag von Rea Strawhill

Behinderung – abseits von Klischees

Wenn wir an den Begriff „Behinderung“ denken, haben wir oft ein sehr bestimmtes Bild im Kopf. Häufig denken wir bei Behinderung an etwas, das man sieht, wir haben Rollstühle oder andere Mobilitätshilfen vor Augen. Dabei können Behinderungen ganz viele verschiedene Formen annehmen, und viele davon sieht man von außen gar nicht.

Viele Menschen, die nicht in dieses klassische Bild von Behinderung passen, stellen sich die Frage, ob sie denn als behindert zählen - ob sie dazugehören. Auch weil Behinderungen in unserer Gesellschaft noch sehr stigmatisiert ist, kann es für viele Menschen sehr lang dauern, sich mit dem Begriff zu identifizieren. Aber warum sollte man das überhaupt?

Manche Personen sind zum Beispiel durch chronische Krankheiten oder Schmerzen sehr beeinträchtigt. Der Zusammenhang zwischen chronischer Krankheit und Behinderung kann komplex sein, denn nicht jede Person, die von einer chronischen Krankheit betroffen ist, ist auch automatisch behindert, und umgekehrt. Viele Betroffene fühlen sich lange Zeit so, als wäre es falsch, sich selbst als behindert zu bezeichnen. Chronischen Krankheiten äußern sich oft sehr schwankend, sodass auch mal gute Tage dabei sind. In solchen Phasen bekommt man fast ein schlechtes Gewissen, und hat das Gefühl, man übertreibt. Man fragt sich vielleicht „Bin ich denn behindert genug?“ Dabei können chronische Krankheiten gerade aufgrund ihrer dynamischen Natur sehr beeinträchtigend sein. Während man an manchen Tagen vielleicht relativ normal seinen Alltag bewältigen kann, ist es an anderen Tagen kaum möglich, aus dem Bett zu kommen. Oft ist der Verlauf von chronischen Krankheiten sehr unberechenbar. Wenn einem dann auch noch von außen das Gefühl gegeben wird, man sei empfindlich oder man solle sich einfach ein bisschen zusammenreißen und die eigenen Beschwerden nicht ernst genommen werden, dann fällt es logischerweise auch schwer, sich selbst ernst zu nehmen.

Ein Mangel an Wissen führt oft zu einem Mangel an Hilfe

Leider erfahren viele Menschen mit unsichtbaren Behinderungen oder chronischen Krankheiten Ablehnung und einen Mangel an Verständnis. Man hört Sprüche wie „Aber gestern konntest du doch xyz tun, warum geht es dann heute nicht?“ oder „Letzte Woche hast du keine Unterstützung gebraucht, und jetzt auf einmal brauchst du doch Hilfe?“ Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass unsichtbare Behinderungen existieren, oder dass unsere Beeinträchtigungen von Tag zu Tag schwanken können.

Bei selteneren Erkrankungen entsteht außerdem das Problem, dass es gar nicht so einfach ist, einen Grad der Behinderung zu bekommen, der diese Hilfestellungen legitimieren würde. Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen wissen gar nicht, welche Hilfestellungen ihnen zustehen. Dies führt dazu, dass sich viele erst gar nicht trauen, danach zu fragen.

Darf ich mich als chronisch kranke Person zum Kreis der behinderten Personen zählen?

Hier kann der Begriff der dynamischen Behinderung helfen: Brianne Bennes hat diesen Begriff 2019 so erklärt: „Meine Behinderung ist nicht statisch, sondern dynamisch, da meine Fähigkeiten und Bedürfnisse jeden Tag unterschiedlich sind“.

Wenn man an chronischen Schmerzen oder einer chronischen Krankheit leidet, bei der die Symptome sehr schwanken und die individuellen Bedürfnisse von Tag zu Tag unterschiedlich sind, kann das eine ganz schöne Herausforderung sein. Da man einem die Behinderung oftmals jedoch nicht ansieht, kann es für Betroffene sehr schwierig sein, um Hilfe zu bitten – und diese Hilfe auch zu erhalten. Außerdem kann es eine mentale Hürde sein, um Hilfe zu bitten, wenn es Tage gibt, an denen man diese vielleicht gar nicht braucht. Viele haben deshalb das Gefühl, diese Hilfe stünde ihnen nicht zu.

Mit der Identifizierung als „behindert“ kann es Betroffenen leichter fallen, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen und zu wissen, dass man ein Recht darauf hat, Hilfe zu bekommen, wenn man sie braucht. Viele empfinden diesen Schritt deshalb als Empowerment. Und bei chronischen Krankheiten können diese Hilfestellungen ganz anders aussehen als bei anderen Formen von Behinderung. Während manche Menschen auf Mobilitätshilfen angewiesen sind, brauchen andere Menschen flexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit zur digitalen Teilhabe. Bedürfnisse der Barrierefreiheit sind von Person zu Person unterschiedlich, weshalb es wichtig ist, dass wir Betroffenen zuhören und bereit sind zu helfen, ohne zu verurteilen. Deshalb ist eine Bewusstseinsbildung dieser komplexen und dynamischen Krankheitsbilder auch abseits der Medizin für Betroffene wichtig, denn oft fällt es uns nicht so leicht, unseren Arbeitgeber:innen, Professor:innen oder Kolleg:innen klar zu machen, wie es uns geht und in welcher Form unsere Symptome uns beeinträchtigen.

Werden wir das Stigma endlich los!

An dem Begriff “Behinderung” hängt noch immer ein riesiges Stigma. Dieses Stigma müssen wir endlich loswerden. Viele Menschen reagieren sehr irritiert, wenn sich Menschen, die auf dem ersten Blick “ganz normal“ aussehen (was auch immer ganz normal ist!) sich offen als behindert identifizieren. Dieses Wort zu benutzen sollte kein Tabu sein, denn es mindert unseren Wert als Mensch in keiner Weise. Es bedeutet einfach, dass wir in manchen Belangen Hilfe benötigen- und das ist ok!

Natürlich ist die Entscheidung darüber, wie man sich identifizieren möchte, sehr individuell. Verwende den Begriff, der sich für dich richtig anfühlt.

Behinderungen können sehr komplex und unterschiedlich sein, und keine zwei Personen mit derselben Diagnose, haben die gleiche Geschichte zu erzählen. Und das ist gut so! Behinderung ist divers, und jede Geschichte ist valide. Deshalb ist es auch wichtig, Behinderung als das darzustellen, was es ist: divers, facettenreich, und fern ab von Klischees.

Niemand sollte das Gefühl haben, nicht dazugehören zu „dürfen“.
Egal, wie sich deine Beeinträchtigung äußert: deine Erfahrungen sind valide und niemand hat das Recht, sie dir abzusprechen. Und auch, wenn du vielleicht nicht den gängigen Klischees entsprichst: sei dir bewusst, dass du ein Recht auf Teilhabe hast, und dass du wertvoll bist, genau so, wie du bist.

Über die Autorin

Frau mit langen braunen Haaren

Rea Strawhill ist ehemalige Lehrerin und schreibt auf ihrem Blog und auf Social Media über ihre Erfahrungen mit der Krankheit ME/CFS. Ihr Ziel ist es, Bewusstsein für Themen wie unsichtbare Behinderungen, Ableismus und Inklusion zu schaffen, und über Vorurteile zu chronischen Krankheiten und Behinderungen aufzuklären.

Auf Social Media findet ihr sie unter @Rea Strawhill 

Website von Rea

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